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Die wesentlichen Unterschiede 

 

zwischen »Original« und »Fälschung«

 

 

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Die meisten der eindrucksvollen ökologischen Aussagen der Seattle-Rede, die in den letzten Jahren viel zitiert wurden, stammen leider nicht von dem Häuptling. Sie sind von John M. Rich spätestens 1932 erdichtet worden. 

Damit erhielt die Rede einen romantischen Anstrich aus europäischer Sicht. Dagegen ist die authentische Rede im wesentlichen eine Klage über den Untergang aller Indianer-Stämme, den Seattle für unausweichlich hielt. 

Darum überschreibt William Arrowsmith seinen Artikel in der <American Poetry Review> auch mit den Worten: <Indianerreden und der Totengesang des Roten Vogels>. Doch der Häuptling Seattle ist auch ein Philosoph, der die Ereignisse aus einer überhöhten Sicht weltweit historisch deutet.

Arrowsmith hat Recht, wenn er in der Christianisierung des Textes durch Rich den auffälligsten Unterschied erkennt. Während Rich formulierte: <Denn eines wissen wir — unser Gott ist derselbe Gott>, sagte Seattle in der Rede ausdrücklich: <Euer Gott liebt euer Volk und haßt meines ...>

Denn, wenn er der Gott aller Menschen wäre, dann hätte er zumindest seine roten Kinder vergessen. Das wird noch verstärkt: »Des weißen Mannes Gott kann seine roten Kinder nicht lieben, sonst würde er sie beschützen...« Und nochmals: »Euer Gott scheint parteiisch zu sein...«

Die Indianer fühlen sich sozusagen von allen Göttern verlassen. Seattle betont nicht nur die verschiedenen Götter, sondern auch die anderen Unterschiede zwischen Roten und Weißen: »Nein, wir sind zwei verschiedene Rassen und müssen es immer bleiben. Darum gibt es wenig Gemeinsames zwischen uns.«

Mit wenigen Sätzen stellt Seattle die ganz unterschiedliche Naturauffassung dar: »Jeder Teil dieses Landes ist für mein Volk geheiligt...«

Das Menschenleben ist völlig mit der gesamten Natur verwoben, ebenso an die Vergangenheit gebunden. Die Indianer vergessen nichts, was gewesen ist, und die Natur vergißt auch nicht! Sie hat Erinnerungsvermögen; selbst die Felsen haben Gedächtnis und der Staub unter den nackten Füßen fühlt die freundliche Berührung.

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Zur wunderbaren Ordnung der Natur gehört der Tod! Seiner Gesetzmäßigkeit unterliegen auch die Weißen, obwohl deren Gott (Christus) unter ihnen wandelte und mit ihnen sprach. Dem Sterben können auch die Weißen nicht entgehen, weder einzeln noch in ihrer Gesamtheit. Seattle deutet damit an, daß auch die weißen Völker schließlich untergehen werden.

Der Indianer und der Europäer Verhältnis zu den Toten ist höchst unterschiedlich: Für die Weißen sind die Verstorbenen sofort ins ferne Jenseits entrückt, es gibt kein Miteinander mehr zwischen ihnen und den Lebenden. Bei den Indianern vergessen selbst die Toten die schöne Erde niemals; sie lieben diese weiterhin so innig, daß sie als Geister zurückkehren. Sie werden, sagt Seattle, sogar künftig unter den weißen Eroberern weilen, weshalb sich diese vor dem Bruch der Verträge hüten sollten. Wenn auch die Indianer inzwischen machtlos geworden sind, die Toten sind es nicht! Ja, es gibt letztlich keinen Unterschied zwischen Toten und Lebenden, wie es keine Trennung zwischen Mensch und Natur gibt.

Insofern breitet der Häuptling Seattle doch eine ökologische Weltsicht philosophisch überhöht vor seinen Zuhörern aus.

Aus diesem Grunde habe ich die Rede als eine bedeutende Aussage der Weltliteratur über das Verhältnis Mensch-Natur in mein Lesebuch aufgenommen, dessen Titel ich einem Ausspruch Leonardo da Vincis entnahm: Glücklich werden die sein, die den Worten der Toten Gehör schenken, gute Werke lesen
und beachten.

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  Zur Photographie des Häuptlings Seattle  

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Die Titel-Photographie des Häuptlings Seattle ist das seltene Originalbild, aufgenommen von E. M. Sammis. Die meisten Reproduktionen sind retuschiert und zeigen den Häuptling mit offenen Augen und ohne Stock. Der Historiker Clarence Bagley schrieb über diese einzige Photographie des Häuptlings, die bekannt ist:

»Es war im Frühsommer des Jahres 1865, daß das Originalbild des Häuptlings, das man nun so oft sieht, aufgenommen wurde. Ich meine, ich habe wahrscheinlich ein Tagebuch, das den Tag angibt, an dem der alte Häuptling für sein Bild saß. Ein Amateur-Künstler mit Namen E. M.Sammis hatte sich eine Kamera in Olympia verschafft, kam nach Seattle, und ließ sich in einem baufälligen Gebäude an der Südost-Ecke, die nun von der Main und First Avenue South gebildet wird, nieder. Der alte Häuptling Seattle pflegte oft um die Galerie herumzuschlendern und die Bilder mit sichtlicher Zufriedenheit zu mustern. Ich selber verwendete nicht wenig Zeit, in der und um die Galerie, so besonders an dem Tage, als das Bild von dem Häuptling aufgenommen wurde. Es gelang dem Photographen, ein Bild von dem Häuptling zu bekommen. Dieser war leicht zu einer Sitzung zu überreden, und es ist ein falscher Eindruck, der überliefert worden ist, daß die Indianer Furcht vor der Kunst des Photographen hatten und sie als schwarze Magie ansahen. Die Aufnahme wurde gemacht und ich druckte den ersten Abzug, der von dem Negativ gefertigt wurde. Es könnten möglicherweise Photographien des alten Häuptlings zu einem späteren Zeitpunkt aufgenommen worden sein, doch ich erinnere mich an keine, sicherlich nicht davor, wovon ich jemals Kenntnis erhalten hätte.«

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Ende

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Herbert Gruhl Häuptling Seattle hat gesprochen Der authentische Text seiner Rede mit Klarstellung: Nachdichtung und Wahrheit